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Paradise Papers: Steuertricks von Apple & Co stoppen

Von Fabio De Masi

 

Ein Steuerskandal jagt den nächsten. Offshore Leaks in 2013, Luxemburg Leaks in 2014, Swiss Leaks in 2015, Panama Papers und Bahamas Leaks in 2016 und nun die Paradise Papers. Das internationale Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ) - ein Netzwerks von gut 200 Reportern aus 70 Ländern – wertete dabei Millionen geheimer Dokumente aus.

Dabei wurde erneut sichtbar: (Super)Reiche und Konzerne drücken ihre Steuern auf fast Null Prozent. Konzerne verschieben Gewinne über Ländergrenzen wie Amazon-Pakete. Dabei gründen Konzerne wie Apple oder Nike Briefkastenfirmen mit häufig nur einem Anrufbeantworter und führen an diese Zinsen für fiktive Kredite oder Lizenzgebühren auf die Markenrechte ab. In Deutschland werden dann zum Beispiel diese Zinsen von der Steuer abgezogen. In einer Steueroase wie Luxemburg, in der die Briefkastenfirma sitzt werden die Zinsen zu Dividenden erklärt, die dort unversteuert bleiben. Eigentlich skandalös, aber: Konzerne sind sogar gegenüber ihren Aktionären verpflichtet, legale Schlupflöcher zu nutzen, die die Politik ihnen bietet.

Dabei wird die große Mehrheit der Bevölkerung doppelt enteignet. Denn die Konzentration von Vermögen und die wachsenden Unternehmensgewinne wurden dadurch erzielt, dass die Löhne in den letzten Jahren hinter dem Wachstum der Wirtschaft zurück blieben. Und nun machen sich die Oligarchen auch noch einen schlanken Fuß. Die ungleiche Verteilung fördert Beschaffungskriminalität der Finanzelite und zerstört die Demokratie. Denn Geld schafft auch Einfluss auf Gesetze. Stichwort: Parteispenden von Unternehmen.

Etwa 8 Personen auf der Erde besitzen mittlerweile so viel Vermögen wie die Hälfte der Menschheit oder etwa 3,5 Milliarden Menschen. Auch die großen Unternehmen wie Facebook, Amazon oder Google sind häufig im Besitz der reichsten Familien und Oligarchen. Ob in Washington, Berlin oder Moskau. In Deutschland besitzen die reichsten zehn Prozent der Haushalte zwei Drittel des Netto-Vermögens, während die untere Hälfte der Bevölkerung nur über ein geringes Vermögen oder Schulden verfügt. Das ist eine kranke Entwicklung und hat nichts mehr mit Leistung zu tun. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nannte man daher Industriekapitäne noch Räuberbarone.

Den EU-Staaten entgehen durch legale und illegale Steuertricks hunderte Milliarden Euro jährlich für Investitionen in Bildung, Infrastruktur oder Sozialstaat. Kriminelle nutzen Steueroasen und Schattenfinanzplätze um Geldwäsche, Finanzkriminalität, Drogen- und Menschenhandel oder Terrorfinanzierung zu verschleiern. Regierungen schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu und kürzen gleichzeitig ihre Steuerverwaltungen kaputt. Und: die USA wollen ihre Unternehmenssteuern drastisch senken, um im Ausland geparkte Gewinne von US-Konzernen zurück ins Land zu holen.

Dabei wäre das gar nicht nötig. Die USA erheben nämlich ohnehin den Anspruch, US-Konzerne weltweit zu besteuern – egal wo sie ihre Gewinne erwirtschaften. Wenn sowohl die EU als auch die USA Apple und Co in den Schwitzkasten nehmen würden, gäbe es ganz schnell Druck auf internationaler Ebene, faire Regeln zu vereinbaren. Am Ende verlieren wir alle, während der globale Geldadel den Hals nicht voll genug bekommt.  

Im Zentrum der Paradise Papers steht abermals eine große Kanzlei (Appleby), die ähnlich wie Mossack Fonseca aus den Panama Papers Dienstleistungen an Konzerne und (Super)Reiche verkauft. Dabei werden Briefkastenfirmen gegründet, die wahren Identitäten der Eigentümer verschleiert und die besten Steuertricks weltweit angeboten. Gesteuert wird das Appleby-Business seit 1898 aus dem britischen Überseegebiet Bermuda. Eine gerade erschiene Broschüre der LINKEN im Europaparlament erklärt diese Tricks im Detail.

Diese Abzocke ließe sich beenden. Die Steuerdiplomatie im Rahmen der OECD und der EU ist gescheitert, da Steueroasen wie Luxemburg, Niederlande und Großbritannien stets Fortschritte blockieren. Auch Deutschland – laut dem Präsidenten des Bundeskriminalamtes ein Paradies für Geldwäsche – mauert. Etwa bei Gesetzen zur Offenlegung von gezahlten Unternehmensgewinnen und Steuern für jedes Land oder öffentlichen Registern der wahren Eigentümern von Briefkastenfirmen. Zudem fordern Kriminalbeamte ein zentrales Immobilienregister für Deutschland.

Wir müssen aber nicht warten bis sich 28 EU-Staaten oder 35 Industrieländer im Rahmen der OECD einig sind. Es sind auch unilaterale Maßnahmen gegen Steueroasen und Schattenfinanzplätze möglich. Die USA – selbst eine Steueroase – haben das gegenüber der Schweiz und Lichtenstein erfolgreich vorgemacht: Nach der Drohung mit Strafsteuern lieferten die Zwergstaaten Bankdaten. Alle abfließenden Gewinne bzw. Zahlungen wie Zinsen, Lizenzen, Dividenden und Versicherungsprämien sollten daher zukünftig in Deutschland mit einer Quellensteuer belegt werden. Eine doppelte Besteuerung ließe sich dabei problemlos vermeiden. Wer bereits in Deutschland Steuern gezahlt hat, bekäme diese angerechnet. Gleichzeitig müssen Doppelbesteuerungsabkommen mit nicht-kooperativen Staaten gekündigt werden, da diese wirkungsvolle Maßnahmen gegen Steuerflucht oft ausschließen.

Kanzleien und Banken sind die Drückerkolonnen der Steueroasen. Ihnen muss bei wiederholter Beihilfe zu schwerer Steuerhinterziehung die Geschäftslizenz entzogen werden. Hierbei würde auch ein Unternehmensstrafrecht, wie in den USA, helfen.

Mehr Transparenz und schärfere Gesetze wirken nur, wenn Steuerbehörden und Finanzgerichte in der Lage sind, das Recht umzusetzen. Dafür braucht es mehr Personal, ein Ende der Steuerkonkurrenz zwischen den Bundesländern und eine koordinierende Bundesfinanzpolizei. Jeder Normalbürger in Deutschland muss sich an die Regeln halten. (Super)Reiche und Konzerne bezahlen hingegen Armeen von Anwälten und Steuerberatern, die ihre schmutzigen Tricks absichern.

Die Jamaika-Parteien CDU/CSU, FDP und GRÜNE waren sich hingegen schnell einig: Eine Vermögenssteuer oder eine realistische Erbschaftssteuer für (Super)Reiche wird es mit ihnen nicht geben. Maßnahmen gegen Steuertricks von Apple und Co? Fehlanzeige! Es bleibt daher zu hoffen, dass Journalisten und Öffentlichkeit weiter Druck machen, um den Raubzug der Reichen und Konzerne zu stoppen. Und damit dieses Land eine Regierung bekommt, die der Mehrheit dient.

 

Fabio De Masi ist Bundestagsabgeordneter der Fraktion DIE LINKE. und war im Europäischen Parlament stellv. Vorsitzender des Untersuchungsausschuss zu den Panama Papers.