Die Verweigerer
Die Bundesregierung verweigert sich bisher, allerdings in einem beachtlichen Stimmen-Wirr-Warr:
Zusammengefasst: Der Geldmarkt wird bedingungslos mit Liquidität versorgt, die Regulierung des Finanzmarktes wohl auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben und die Regulierung der Realwirtschaft im sozialen und ökologischen Interesse weiter verhindert. Steinbrück macht die Brandstifter der Finanzmärkte zur Feuerwehr, um deren Vertrauen wir buhlen sollen und die BürgerInnen sollen das Löschwasser zahlen.
Die Mahner
Gustav Horn vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung drängt, öffentliche Investitionen jetzt vorzuziehen, der japanische Ökonom Richard Koo empfiehlt, die Maastricht-Kriterien zu lockern, damit Staaten kurzfristig mehr Schulden aufnehmen und ihre Ausgaben erhöhen können. Der konservative Nobelpreisträger Robert Solow hatte gefordert, der deutsche Staat müsse mehr Geld ausgeben um die Konjunktur zu stützen.
Sogar der ‚Sachverstand’ reibt sich die Augen und verweist im Herbstgutachten auf „beachtliche diskretionäre expansive Maßnahmen“ – zu deutsch Konjunkturprogramme - in den USA, Japan, Spanien und Irland. Und die Bundesrepublik? „In den anderen Ländern des Euroraums ist die Finanzpolitik allenfalls leicht expansiv ausgerichtet. Dies liegt zu einem daran, dass die Konjunkturentwicklung (…) nicht als bedrohlich empfunden wurde.“ Deshalb sei die Neigung – man beachte die Neigung – bislang gering, die Haushaltskonsolidierung durch Konjunkturprogramme zu gefährden. Empfindet die Bundesregierung die Konjunkturentwicklung immer noch nicht als bedrohlich? Und falls doch, warum stemmen sich dann bundesdeutsche Regierungsvertreter immer noch gegen ein Konjunkturprogramm?
Mit dem Konjunkturprogramm gegen den Finanzmarktkapitalismus?
Die Bundesregierung weigert sich eine zentrale Ursache für die exzessive Entwicklung der Finanzmärkte anzugehen. Neben der Liberalisierung der Kapitalmärkte und der Privatisierung der Altersicherungssysteme hat die Umverteilung der Einkommen und Vermögen von unten nach oben dazu geführt, dass sich riesige Finanzvermögen angehäuft haben. Sie machen mittlerweile das Dreifache der Wertschöpfung aus. Gestiegen ist dadurch allein die Profitquote, abgesenkt wurden in diesem Zeitraum auch durch viele Maßnahmen der Regierung die gesamtwirtschaftliche Investitionsquote, die Lohnquote und die Staatsquote. Mit diesem Finanzvermögen im Rücken haben Banken, Fonds und andere die spekulativen Geschäftsbereiche ausgebaut, die ihnen jetzt um die Ohren fliegen. Mit diesem Vermögen im Rücken haben sie auch in der Realwirtschaft die Renditeerwartungen von 25 % durchgesetzt.
An dieser Fehlentwicklung des kapitalistischen Systems setzt das Konjunkturprogramm an:
Unsere Maßnahmen zur Anhebung der Sozialleistungen würden die Lebenslage der Betroffenen deutlich verbessern und die Binnennachfrage insgesamt um 7 Milliarden Euro erhöhen. Bei einem in Mindestlohn von 8,71 Euro stünden den betroffenen Beschäftigten zusätzliche 13 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Wiederherstellung der alten Rentenformel würde die Binnennachfrage um 7 Milliarden Euro stärken.
Deshalb sollen auch die öffentlichen Investitionen im Umfang von 30 Milliarden für Bildung (15 Mrd.), Infrastruktur (7,5 Mrd.), Energiewende (4 Mrd.) und Gesundheit (3,5 Mrd.)ausgeweitet werden.
Deshalb sollen aber auch die Abschreibungsmöglichkeiten der Unternehmen verbessert werden. Davon erwarten wir für Unternehmen positive Liquiditätseffekte und Spielräume für eine vorgezogene Anschaffung von Wirtschaftsgütern.
Das Konjunkturprogramm der Bundestagsfraktion ist also weder Strohfeuer noch verbranntes Geld, sondern ein erster Schritt hin zu einer Umverteilung von Reich zu Arm und ein Einstieg in den sozial-ökologischen Umbau unserer Gesellschaft.
Nachtrag:
Gestern forderte der Sprecher der Deutschen Bauindustrie, Heiko Stiepelmann Infrastrukturinvestitionen etwa für Straßen oder Brücken. Hier habe sich in den vergangenen Jahren ein riesiger Investitionsstau aufgebaut, sagte er der AP. «Da kann etwas getan werden. Das macht richtig Sinn.» Dies sei aber kein Konjunkturprogramm, meinte der Sprecher. Denn letztlich gehe es um Ausgaben, die der Staat ohnehin finanzieren müsse.
Das zeigt zweierlei: Konjunkturprogramme darf man in der Bundesrepublik nicht Konjunkturprogramme nennen, aber: Sie machen Sinn!